Montag, 17. August 2009

Not finished, aber fertig



„Was hast Du eigentlich für komische Füße? Dass man damit überhaupt laufen kann…“
Wenn das keine aufmunternden Worte vor einem 100-Kilometerlauf sind…
Mit leichtem Stirnrunzeln habe ich mir meine Füße angeschaut. Gut. Sie sind vielleicht nicht gerade sehr ladylike und auch nicht sonderlich zart. Der Zeigezeh ist größer als der Dicke Onkel, das Zehgelenk steht leicht über und die Blasenreste der vorherigen Märsche konnte man noch sehen. Aber bisher haben mich die beiden Stumpen gut durchs Leben gebracht. Bisher…

Aber der Reihe nach.

Nicole und Torsten haben mir ein wunderbares Geburtstagsgeschenk gemacht: Die Anmeldung zum Totenkopfmarsch in Belgien. Hinter diesem doch etwas gewöhnungsbedürftigen Namen verbirgt sich nichts weiter als ein Marsch, bei dem man in maximal 24 Stunden 100 Kilometer rund um Bornem läuft.
Nachdem wir einige Übungsläufe hinter uns gebracht haben, fühlten wir uns auch recht gut vorbereitet und sind nach Belgien gefahren. Nicole hat den Support übernommen und sich bereit erklärt sich die Tage nach dem Marsch um die beiden Kaputtnixe zu kümmern.

Eingecheckt (oder besser gesagt abgestiegen) sind wir in einem Häuschen der Sunshine Parks in Mol. Bitte nicht mit Centerparks verwechseln. Centerparks sind die, die das ähnlich, nur halt viel sauberer und mit mehr Komfort schaffen. Aber egal. Wir haben nur unsere Koffer in die Zimmer gebracht, unsere Wandersachen zusammen gepackt und sind zurück nach Bornem gefahren worden.
Unsere Startunterlagen hatten wir schon auf dem Hinweg abgeholt. Daher mussten wir uns nur noch unsere Rindermarke an die Schuhe pinnen und zum Start gelangen. In Belgien, haben wir da feststellen müssen, bekommen die größten Spinner alle einen Chip an den Schuh gepappt und werden dann zu den anderen Irren auf den Weg geschickt. Das hat den Vorteil, dass alle beschäftigt sind, nicht alleine sein müssen und nicht auf noch blödere Ideen kommen…

Einsam und alleine haben wir uns zu keinem Zeitpunkt gefühlt. Zusammen mit 10 000 anderen Chipträgern ging es um 21 Uhr auf die Strecke. Wahnsinn! Alleine dafür hat sich alles gelohnt. Durch die Altstadt von Bornem, vorbei an mehreren Tausend Zuschauern, dicht an dicht in die Nacht. Sehr beeindruckend!


In jedem Ort saßen Menschen feiernd an den Strassen und haben uns angefeuert. Auch noch spät in der Nacht gab es Bands, die gespielt haben, alle Kneipen hatten geöffnet und ihre Stühle nach draußen gestellt, überall Musik. Mit der Zeit verteilten sich die Läufer über die Strecke. Der gesamte Tross war inzwischen mehrere Kilometer lang.

Die Nacht ging sehr schmerzfrei und gut an uns, speziell an mir, vorüber. Nach 50 Kilometern gab es morgens in der Palmbrauerei in Steenhuffel „Frühstück“. Gulasch mit Kartoffeln um 7:30 Uhr. Das Bier habe ich mir gerade noch verkneifen können. Auch wenn es sehr lecker aussah.
Kaum war es hell wurde es auch schon recht warm. Die Wettervorhersage hat im Vorfeld schon den wärmsten Tag des Monats angekündigt. Und ja, sie hat nicht gelogen. Es war schrecklich!
Durch das Laufen auf dem Asphalt hat sich meine Hüfte zwischenzeitlich zu Wort gemeldet. Und auch die komischen Füße meinten ein Wörtchen mitreden zu wollen. Trotzdem haben wir die Etappe nach dem Frühstück mit recht gutem Tempo durchgelaufen.

Aber danach ging es los. Die Horroretappe! Sieben endlose Kilometer unter stechendem Schmerz. Ich habe nicht gewusst, dass Füße so weh tun können. Jeder Schritt hat alles nur noch schlimmer gemacht. Am liebsten hätte ich mich heulend in den nächsten Strassengraben geworfen. Aber abgesehen davon, dass da schon so viele lagen, wollte ich auch nicht mitten auf der Strecke liegen bleiben. Wie sieht das denn auch aus?
Torsten hat ganz arg viel Rücksicht auf mich genommen und sich meinem (Schnecken)tempo angepasst. Der Checkpoint und das Scanning waren in einer Sporthalle in Merchtem.
Spätestens, als ich weinend auf dem Hallenboden sass, war mir klar, dass ich es nicht schaffen werde. Zwar waren meine Muskeln noch gut in Schuss, ich hatte nicht einen Krampf und auch meine Kondition war auch noch recht gut. Nur die Füße waren an den Stellen, die ich nicht getapt hatte, völlig wund. Aber noch schlimmer waren die Zehgelenke und die Hüfte. Dazu das Wissen, dass es in den nächsten Stunden noch heißer werden sollte. Keine Chance mehr für mich.
Eigentlich der Punkt, an dem man einfach sitzenbleiben sollte und sich abholen lassen sollte. Das dachte Torsten wohl auch. Ich weiß, er hat es nur nett gemeint, als er sagte, dass er jetzt Nicole anruft, damit sie mich abholt. Und er hatte ja auch recht. Eigentlich…
Ich weiß nicht mehr genau, was ich ihm entgegengefaucht habe, aber ich möchte mich an dieser Stelle aufrichtig dafür entschuldigen. Unter Aufbringung der letzten Kräfte habe ich mich noch einmal auf die wunden Füße gestellt.

Eine Etappe…nur noch diese eine Etappe. Ich wollte einfach nicht in dieser blöden Halle auf diesem schrecklichen Boden aufgeben. Außerdem dachte ich, die nächste Etappe sei nur vier oder fünf Kilometer lang. Nunja. Es waren 9 Kilometer. Davon sieben durch die pralle Sonne, teilweise über Feldwege und mit einem leichten Anstieg. Gaaaz toll! Ein kurzes Stück ging es durch einen Wald, aber auch das hat mich nicht mehr glücklich machen können.
Als wir die Kontrolle erreicht haben, war ich einfach nur noch froh, dass ich es hinter mich gebracht habe. Anstatt der 100 Kilometer habe ich „nur“ 66,8 geschafft. Torsten hat eine kurze Pause gemacht und ist dann wieder auf die Strecke. Nachdem er sein Bremsklötzchen los war, konnte er auch endlich wieder Tempo machen.
Bis Nicole bei mir war, habe ich versucht mich möglichst unschmerzhaft zu lagen. Die Beine irgendwie hoch, einigermaßen im Schatten und den Kopf auf den Rucksack gestützt. Meine Füße habe ich vorsichtshalber in den Schuhen gelassen. Das Elend wollte ich mir in dem Augenblick ersparen. Mit den anderen Aufgebern habe ich mich noch etwas unterhalten und für mich selbst beschlossen, dass ich trotzdem gut war. 2/3 der Strecke habe ich immerhin geschafft.

Nicole hat das Häufen Elend eingesammelt und wir sind ein paar Etappen weiter zu Torsten gefahren, um ihm seinen IPod zu bringen (tja Torsten, ist doch ruhig ohne mich, gell?). Er sah noch relativ gut aus, obwohl er schon einige Stunden in der vollen Sonne gelaufen ist. Er kann es halt einfach.

Den Rest des Tages habe ich nach einer Dusche auf dem Sofa verbracht. Ich wusste zwar nie genau, wie ich mich hinlegen soll, weil alles weg getan hat, aber irgendwann habe ich eine weniger schmerzhafte Haltung gefunden.

Um 18:56 Uhr ist Torsten im Ziel eingelaufen. Also, wenn man nach der Distanz noch von „laufen“ reden kann.
Wie auch immer: Herzlichen Glückwunsch! Ich bin so stolz auf Dich! Aber Torsten wäre nicht Torsten, wenn er nicht was zu nörgeln hätte. Mit seiner Zeit war er ziemlich unzufrieden.
Von daher müssen wir beide nächstes Jahr wieder los: Ich will ins Ziel kommen und er will unter 20 Stunden laufen…

Sonntag, 2. August 2009

Fehleinschätzungen

Da der Ebernhahner Kannenbäckerlandlauf als letzter Vorbereitungslauf für Belgien geplant war, durfte der Border gleich zu Hause, bzw. in seiner Badischen Wahlheimat verweilen. Über sein Benehmen hüllen wir mal gleich den Mantel des höflichen Schweigens…

Angefangen hat es für Torsten und mich hingegen richtig vielversprechend. Mit einem rustikalen Campingplatz, einem original Westerwälder Tankstellenabendessen und einer harten Nacht auf einer nicht besonders komfortablen Isomatte.

Auch bis zum Startpunkt war unsere kleine Wanderwelt noch schwer in Ordnung. Vor der örtlichen Gemeindehalle standen ein paar Verkaufswagen, eine Pommesbude und allerlei Kruschthändler. Dazwischen bewegten sich Unmengen an älteren Leuten (also jetzt nicht so um die 40, sondern eher im besten Rentenalter und jenseits davon).
Milde lächelnd haben wir uns darauf gefasst gemacht ganz oft erste Hilfe leisten zu müssen oder betreuend tätig zu werden. Wir haben unsere (leicht überdimensionierten) Wanderrucksäcke aufgezogen und sind losmarschiert. Die armen älteren Mitbürger sind völlig gepäcklos losgezogen.
Auf den ersten Kilometern waren noch alle Streckendistanzen zusammen. Da rechnet man mit ungewöhnlichen Läufertypen. Aber nachdem weit hinter der ersten Teilung plötzlich zwei Wanderer mit Krücken (und einem recht hohen Tempo) auftauchten, kamen wir kurz ins Stocken.
Es begegneten uns im Laufe der nächsten Kilometer noch einige solcher Phänomene.
Am 26-Kilometer-Kontrollpunkt trafen wir auf zwei gut gelaunte ältere Herren. Nach ein paar freundlichen Worten verabschiedeten sie sich und liefen weiter. Wir folgten ihnen ein paar Minuten später mit der inneren Gewissheit, sie in ein paar Kilometern wieder zu sehen. Entsprechend hatten wir ein recht hohes Tempo. Nunja. Bei der nächsten Kontrolle haben wir sie noch einmal gesehen…von hinten! Sie haben noch einmal freundlich gewunken und waren weg. Wir haben uns zu einer kurzen Pause entschlossen und in dieser Zeit die ankommenden Läufer angesehen.
Wer bisher geglaubt hat, man sieht es den Leuten an, ob sie sportlich sind oder nicht, dem sei gesagt: Nein, man sieht es nicht! Am eindrucksvollsten war der Marlboromann. Also, nicht, dass er so ausgesehen hat, wie die feschen Cowboys aus der Werbung. Eher im Gegenteil. Aber er hat direkt nach einem Becher Wasser mindestens genauso lässig eine gepafft und ist in lockerem Tempo samt seiner grünen Umhängetasche weitergelaufen.
Wir sind kurz nach einem älteren Herrn losgelaufen, auf den wir tatsächlich nach ein paar Minuten aufholen konnten. Es ist ja nicht so, dass es beim Wandern darum geht, schneller zu sein oder erster zu werden. Aber es liegt irgendwie in der Natur des Menschen, den Vorläufer überholen zu wollen. Gewollt hätten Torsten und ich auch. Nur eben nicht gekonnt. Kaum sah uns der Mann, erhöhte er sein Tempo. Pah! Da konnten wir locker mithalten. Der Abstand wurde wieder kleiner. Und dann passierte es: er joggte los! Wir haben die Zähne zusammen gebissen und gehofft, bei der nächsten Steigung wieder aufholen zu können. So war es dann auch. Die nächsten Kilometer liefen wir in einem Abstand von wenigen Metern hintereinander her. Überholen war undenkbar. Er hat sich einfach unserem Lauftempo angepasst und wir sind hinterher gehechtet. Nach dieser Etappe sass ich den Tränen nahe auf der Bank bei der Kontrollstation. Unfassbar! Wir waren so schnell wie nie zuvor und wurden von Leuten abgehängt, die aussahen, als könnten sie kaum einen Einkaufswagen durch den Lidl schieben geschweige denn eine schwere Tüte tragen.
Die nächsten Etappen habe ich mir intensiv Gedanken über Kondition und Ausdauer gemacht. Vielleicht ist ja doch etwas dran, dass 30 Jahre Lauferfahrung etwas ausmachen?

Körperlich noch recht fit, aber moralisch am Boden habe ich mich durchs Ziel geschleppt.
Wir sind einen guten Schnitt gelaufen, ohne Frage. Aber mein persönliches Fazit aus dem Lauf ist, dass wir noch ganz am Anfang stehen und eine Hightechausrüstung bestimmt unheimlich toll ist, aber Erfahrung einfach mehr zählt.
Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich mehr Blasen an einem Fuss habe als alle anderen Läufer zusammen…